Die Landesregierung hat angekündigt, zum Schuljahr 2028/2029 sogenannte ABC-Klassen einzuführen, um Kinder vor der Einschulung in der sprachlichen Entwicklung zu fördern. Diese Ankündigung wirft zahlreiche Fragen zu Konzept, Ausgestaltung und Finanzierung auf.
Hierzu erklärt Jochen Ott, Vorsitzender der SPD-Fraktion im Landtag Nordrhein-Westfalen:
„Seit Langem wirbt die SPD-Fraktion für die Einführung eines verbindlichen Chancenjahres vor der Einschulung. Spätestens die alarmierenden Ergebnisse der jüngsten Bildungsstudien machen deutlich, wie dringend Kinder vor dem Schulstart gezielte und verlässliche Förderung brauchen. Auch die Enquete-Kommission ‚Chancengleichheit‘ hat diese Forderung ausdrücklich unterstützt. Insofern ist es richtig, dass die Landesregierung nun offenbar bereit ist, die bestehenden Problemlagen anzuerkennen und zu reagieren.
Was Schwarz-Grün nun jedoch mit den sogenannten ABC-Klassen vorlegt, ist keine konsequente Umsetzung eines Chancenjahres, sondern lediglich eine schlechte Kopie. Der Ansatz verengt sich nahezu ausschließlich auf Sprachförderung und blendet den gesamten Entwicklungsstand der Kinder aus. Dabei zeigen wissenschaftliche Erkenntnisse eindeutig, dass insbesondere eine systematische, alltagsintegrierte Sprachbildung die Entwicklung von Kindern wirksam unterstützt – und nicht isolierte Förderformate außerhalb ihres gewohnten Umfelds.
ABC-Klassen setzen stattdessen auf einen defizitorientierten Ansatz: Kinder mit Förderbedarf werden zusammengezogen und sollen in einer neuen Lernumgebung, mit für sie nicht vertrautem Personal, lernen. Das widerspricht allem, was wir über erfolgreiche frühkindliche Förderung wissen. Hinzu kommt ein grundlegender Widerspruch in der Politik der Landesregierung: Während mit dem KiBiz-Referentenentwurf weniger Fachkräfte in den Kitas eingesetzt werden sollen, will Schwarz-Grün am Lernort Schule eine neue Förderstruktur aufbauen, die wiederum zusätzliches Fachpersonal erfordert. Das ist nicht nur unlogisch, sondern verschärft den bestehenden Fachkräftemangel.
Gleichzeitig bleibt die Ankündigung der Landesregierung insgesamt noch viel zu vage. Es stellen sich zahlreiche zentrale Fragen, auf die Familien, Kommunen und Schulen dringend Antworten brauchen. Unklar ist zum Beispiel, wie die Zusammenarbeit mit dem Familienministerium konkret ausgestaltet werden soll. Frühkindliche Förderung kann nicht im Alleingang organisiert werden, sondern braucht eine abgestimmte Verantwortung zwischen Schule, Jugendhilfe und Kitas.
Ebenso ungeklärt ist die Raumfrage. Viele Grundschulen sind schon heute überfüllt – nicht zuletzt, weil der notwendige Ausbau der Offenen Ganztagsschule bislang nicht ausreichend vorangekommen ist. Zusätzliche Gruppen brauchen zusätzliche Räume, andernfalls droht ein organisatorisches Chaos.
Ein echtes Chancenjahr müsste dazu beitragen, den Übergang von der Kita in die Schule zu stärken und besser zu verzahnen. Stattdessen schafft die Landesregierung mit den ABC-Klassen faktisch eine dritte Säule der frühkindlichen Bildung. Anstatt neue Parallelstrukturen aufzubauen, müssten Kitas als zentrale Lernorte gestärkt und die Expertise der Erzieherinnen und Erzieher endlich anerkannt und wertgeschätzt werden.
Das Vorgehen von Schwarz-Grün zeigt zudem, dass die gemeinsamen Linien in der Bildungspolitik offenbar aufgebraucht sind. Es wird eine neue Förderstruktur durch das Schulministerium von Frau Feller für Kinder geschaffen, obwohl hierfür eigentlich das Familienministerium von Frau Paul die Verantwortung trägt. Diese Unklarheit in den Zuständigkeiten geht am Ende zulasten der Kinder. Nordrhein-Westfalen braucht kein Stückwerk, sondern ein echtes Chancenjahr, das seinen Namen verdient. Dafür braucht es jedoch ein durchdachtes, finanziell hinterlegtes und personell abgesichertes Konzept. Die SPD-Fraktion wird weiterhin dafür werben, dass aus einer richtigen und notwendigen Idee am Ende auch eine verlässliche und funktionierende Umsetzung wird – im Sinne der Kinder und ihrer Bildungschancen.“






